Interessenvermittlung und Politik: Interesse als Grundbegriff sozialwissenschaftlicher Lehre und Analyse

Springer-Verlag
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"Den Eygen-Nutz last herrschen nicht. Sonst straft euch Gott in seim Gericht. "· In diesen Vers kleidete Hans Michael Moscherosch 1643 den heute noch beliebten Spruch - Gemeinnutz geht vor Eigennutz - als Leitsatz fiir die christliche Stlinde ordnung des Barock. Die Maxime hatte fur J ahrhunderte die mittelalterliche Moral bestimmt. In den folgenden 150 J ahren brachten liberale AufkHirung und biirgerliche Emanzipation mit diesem Konsens griindlich. So hieB es dann in der aufkliirerischen Deutschen Encyclopiidie 1793: "Das Interesse ist das Band der menschlichen Ge sellschaften ... In allen Staaten, die das Eigentum eingefiihrt, kann keine andere Triebfeder als das Interesse stattfinden, und dieses wahre Interesse jeden Privat mannes in den Gewerben, stimmt auch mit dem gemeinschaftlichen Besten, und dem Zusammenhang des Nahrungsstandes iiberein." ' Dieser positive Leitbegriff der "wohlverstandenen" Interessen des Einzelnen oder spiiter auch von Interessengruppen artikuliert verbindet den klassischen Li beralismus mit heutigen Pluralismusvorstellungen. Eine im Grunde materialistische Grundauffassung - "die okonomischen Verhiiltnisse einer gegebenen Gesellschaft stellen sich zuniichst dar als Interessen" (Karl Marx) - verkniipft den Liberalismus mit dem Marxismus. Beide sind eine "Interessentheorie", freilich mit dem Unter schied, daB hier eine neue ideologiekritische Dimension eingebracht wurde. Dies zeigt sich besonders in der Unterscheidung von objektiven und subjektiven Inter essen, wahren und falschen Interessen. Auch der Gleichheitsbegriff - ein zweiter zu wenig gewiirdigter politischer Grundbegriff - trennt beide Gesellschaftstheorien.
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Additional Information

Publisher
Springer-Verlag
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Published on
Mar 8, 2013
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Pages
176
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ISBN
9783322842121
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Best For
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Language
German
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Genres
Social Science / General
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Daß heute vieles anders ist als früher, gehört zu den Grundwahrheiten, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Aber daß das Tempo des Wandels um uns herum deutlich angezogen hat, ist für die meisten Menschen eine wirklich neue Lebenserfahrung. Darauf muß sich auch der Staat einstellen. Er muß heute unter einem enormen Zeitdruck dafür sorgen, daß mögliche Risiken dieses Wandels minimiert, vor allem aber, daß seine Chancen genutzt werden. Dazu muß seine Verwaltung schneller und fle xibler, kurz: unbürokratischer auf neue Entwicklungen reagieren oder sie sogar mitzugestalten versuchen. Das kann eine Verwaltung nicht, die heute noch in Strukturen arbeitet, die hundert Jahre und älter sind. Diese Strukturen gehören allesamt auf den Prüfstand. Politik hat den Auftrag, das Gemeinwohl zu fördern. Deshalb muß sie Bürgersinn und Hilfsbereitschaft stärken und die Gemeinschaft da entla sten, wo der Einzelne besser, persönlicher und wirksamer helfen kann. Das geht nicht mit komplexen und auch noch ineinander verschachtelten Verwaltungs- und Hierarchieebenen oder mit bis ins kleinste Detail ge henden Regelungen, die häufig das eigenständige und eigenverantwortli che Engagement von Bürgerinnen und Bürgern blockieren. Wir brauchen statt dessen einen Staat, der dem und der Einzelnen mehr und neue Möglichkeiten zur Mitwirkung und Mitverantwortung gibt. Wir brauchen eine öffentliche Verwaltung, die den Bürgerinnen und Bürgern als Partner und Dienstleister zur Seite steht. Das ist ein wichtiger Grund dafür, warum wir in Nordrhein-Westfalen mit einer umfassenden Reform von Regierung, Verwaltung und Justiz begonnen haben.
Mit dies em Band, Organisierte Interessen in der Bundesrepublik" wird eine neue Schriftenreihe, Grundwissen Politik" er6ffnet. An den Titel dieser Reihe kniipfen die Herausgeber einige Uberlegungen. Obwohl die meisten der von uns geplanten Bande als Einfuhrungstexte in Teilbereiche der Politikwissenschaft konzipiert werden - geschrieben in der Regel von Politikwissenschaftlern(innen) -, nennen wir die Schriftenreihe bewuBt nicht Grundwissen Politikwis senschaft. Denn Studierende der Politikwissenschaft sind nur eine Zielgruppe fur die geplanten Bande; die andere, eher gr6Bere Gruppe sind an Politik inter essierte Leser, politische Bildung - aktiv oder passiv - praktizierende Interes senten und die steigende Zahl von Weiterbildungsadressaten. Politikwissenschaft und Politik sind gemeinhin zwei Welten, so verschieden wie die Welt des Germanisten von der des Schriftstellers, des Wirtschaftswis senschaftlers von der des B6rsianers oder des Musikwissenschaftlers von der des Opernstars. Grundwissen Politik heillt diese Reihe auch deshalb, weil sie beansprucht, manche Schwellen und Graben zwischen Theorie und Praxis, Wissenschaft und Alltagspolitik zu iiberwinden. Und sie will eine politische Po litikwissenschaft zeigen, die nicht nur kontroverse Positionen darstellt, sondern auch Positionen einnimmt, ohne allerdings ins Politisieren oder parteiliche In doktrinieren abzugleiten. Politische Positionen sind offen zu legen, zu kenn zeichnen, urn sie der kontroversen Debatte und der eigenen Urteilsfindung zu ganglich zu machen.
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